A B C D E F G -H I J K L M N -O P Q R S T U -V W X Y Z

Abkürzungsverzeichnis

 

Glossar PDF Print E-mail

Die Glossareinträge bieten nähere Definitionen bzw. Informationen zu einzelnen Begriffen, die in den Abstracts nicht ausgeführt werden. Sie basieren auf der Grundlage von Wolfgang Benz (Hrsg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus, jedoch werden sie auch durch andere Publikationen und Quellen ergänzt (siehe Literatur).

 


A top

"Alte Kämpfer" oder seltener "Alte Garde"
- Parteimitglieder der NSDAP, deren Mitgliedsnummer niedriger als 100.000 war
Diese Bezeichnung bedeutete besondere Ehre in der NS-Hierarchie, da es sich bei "Alten Kämpfern" um Mitglieder der ersten Stunde gehandelt hatte. Die Nummer 100.000 wurde im Jahre 1928 vergeben; die "Alten Kämpfer" waren berechtigt, das Goldene Parteiabzeichen zu tragen. Allerdings bekamen auch spätere Parteimitglieder das Goldene Parteiabzeichen, auf ausdrücklichen Wunsch Hitlers – somit decken sich die zwei Gruppen nicht ganz. "Alte Kämpfer" genossen auch bestimmte Privilegien bei den sozialen Leistungen der NSDAP, bzw. des NS-Staates.

"Anschluss" Österreich
- die Annexion Österreichs seitens des Deutschen Reiches im Jahre 1938, die von der Auflösung der in der Zwischenkriegszeit gewachsenen Staatsstrukturen Österreichs begleitet wurde
Von der NS-Propaganda von langer Hand vorbereitet, traf der „Anschluss“ in Österreich auf breite Zustimmung, zumal die Erste Republik bereits infolge der Ereignisse im Jahr 1933 (Ausschaltung des Parlaments seitens der Christlichsozialen, Gründung der Vaterländischen Front, Lahmlegung des Verfassungsgerichtshofs) ausgeschaltet wurde. Der im Februar 1934 ausgefochtene Bürgerkrieg schwächte den inneren Zusammenhalt Österreichs dann weiter. Der Ständestaat vermochte nicht, irgendeine Art vom effektiven oder auch symbolischen Widerstand zu leisten, als die deutschen Truppen am 12.03.1938 in Österreich einmarschierten – die für den 09.03.1938 angesetzte Volksabstimmung in Österreich über einen möglichen Anschluss ans Deutsche Reich musste von Kanzler Schuschnigg unter deutschem Druck abgesagt werden. Unter anderen unmittelbaren Folgen des „Anschlusses“ seien hier nur die Ausschreitungen, Verfolgungen und Hetze gegenüber Nazigegnern und Jüdinnen und Juden erwähnt. Diese begannen bereits Tage vor dem Einmarsch der deutschen Truppen und gerieten außer Rand und Band – von kurzfristigen Festnahmen von 70.000 Personen wurde berichtet. Am 10.04.1938 inszenierte die NSDAP schließlich eine Volksabstimmung über den bereits abgewickelten „Anschluss“ – das Resultat: 99,73 % Ja-Stimmen.

„Arisierung“
- Prozess der Entfernung von Jüdinnen und Juden aus dem Wirtschafts-, Berufs- und Finanzleben zunächst betrifft die "Arisierung" das Deutsche Reich
Mit der Eroberung oder dem Einverleiben weiterer Territorien wird die „Arisierung“ auch in anderen Gebieten durchgeführt, vor allem in Gebieten des ehemaligen Österreich perfektioniert der NS-Apparat diesen Prozess. Die „Arisierung“ kann in drei Phasen eingeteilt werden; zwischen 1933 und 1937 wird sie grundsätzlich illegal abgewickelt, vor allem im Einzelhandel und im KMU-Bereich wird mit inszenierten Boykotten und mit „Volkszorn“-Ausbrüchen danach getrachtet, jüdische Laden- oder Firmenbesitzer aus dem Geschäftsleben zu vertreiben. Durch den „Arierparagraph“ werden Jüdinnen und Juden ab 1933 auch aus dem Staatsdienst verbannt. Nach dem „Anschluss“ Österreichs kommt es zur zweiten Phase, in der Radikalisierung und Systematisierung der Vorgänge vermerkt werden können. Wurden bis dahin noch symbolische Entschädigungsauszahlungen getätigt, bringt die Zeit nach dem Novemberpogrom 1938 systematische Zwangsenteignung allen jüdischen Vermögens ohne Entschädigungen mit sich. Auch wird den Jüdinnen und Juden die Ausübung praktisch aller Berufe verboten. Nach Beschluss der Nürnberger Rassengesetze 1935 wurden Jüdinnen und Juden ohnedies zu Bürgern zweiter Klasse degradiert. Die 11. und 13. Verordnung zum Reichsbürgergesetz (treten 1941, bzw. 1943 in Kraft) beenden dann den Prozess, indem das gesamte Vermögen der in den Osten verschleppten und/oder umgebrachten Jüdinnen und Juden  an das Reich verfiel.

 


E top

Entjudung
- von den Nationalsozialisten geführtes Synonym für die "Arisierung"
Zu propagandistischen Zwecken genutzt, soll dieser Begriff an die Bekämpfung des Ungeziefers erinnern. Wie viele andere Begriffe (offizieller oder halboffizieller Natur), stammt auch dieser aus dem 19. Jahrhundert, als Wegbereiter des europäischen Antisemitismus ihre ersten Theorien und Schriften veröffentlichten (Bruno Bauer, Eugen Dühring, Wilhelm Marr, Theodor Fritsch etc.).

 


G top

Gauleiter
- die ab 1925 aufgebaute Gliederung der NSDAP basierte auf dem System der Gauen , das Reichsgebiet wurde in 42 Gauen aufgeteilt, die Anführer jeder einzelnen Parteiorganisation wurden von Adolf Hitler selbst ernannt
Der Gauleiter trägt die Verantwortung für die Parteiorganisation ab seiner Ebene nach unten (das schließt niedrigere Organisationsstufen ein, wie z.B. Kreis-, Ortsgruppe, Zelle oder Block. Viele „Alte Kämpfer“ (die ersten 100.000 Mitglieder der NSDAP) waren unter den Gauleitern. Mit besonderen Vollmachten ausgestattet, sollten sie die Schnittstelle zwischen der Partei und dem Staat darstellen. Ihnen oblag auch die zivile Landesverteidigung ihres jeweiligen Gebiets.

 


J top

Judenfrage
- kommt als Begriff bereits im 18. Jahrhundert vor
Von England und Frankreich aus entwickelte sich eine Diskussion über das Judentum, welche mit überwiegend negativen Konnotationen des Judentums und Angstvorstellungen über die Zukunft operierte. Im deutschen Sprachraum etablierte Bruno Bauer mit seinem gleichnamigen Werk aus 1843 das Wort „Judenfrage“ und verlieh ihm gleich einen antisemitischen Grundton. In der NS-Terminologie wurde die „Judenfrage“ dann zum zentralen ideologischen Begriff.

 


R top

Reichskommissar
- hoher Titel in der NS-Hierarchie, allerdings keine Erfindung des NS-Staates
Das Amt des Reichskommissare gab es seit der Gründung des Deutschen Reiches 1875 bis zum Zusammenbruch des NS-Regimes 1945. Einer der ersten Träger dieses Titels unter den Nationalsozialisten wurde Hermann Göring, der Anfang 1933 an die Spitze des neu geschaffenen Reichsluftfahrtministeriums gelang. In Kriegszeiten verwalteten Reichskommissare große Territorialeinheiten; sie besaßen eine breite Palette an Kompetenzen. Neben den Positionen als Verwalter größerer Territorialeinheiten fielen auch andere, vielfältige Aufgaben in den Kompetenzbereich der Reichskommissare; so wurde Heinrich Himmler etwa zum „Reichkommissar für die Festigung deutschen Volkstums“. Besonders viele Reichskommissariate gab es im von Deutschen besetzten Osten Europas im II. Weltkrieg – RK für Ostland, RK für die sudetendeutschen Gebiete, RK Ukraine und RK für die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich. Außerdem wurden Reichskommissare etwa in Saarland, in Norwegen oder in den Niederlanden als Verwalter eingesetzt.

Reichskommissar für die Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich
- Titel des obersten NS-Verwalters für das ehemalige Österreich
Die Aufgabe des RK in diesem Fall war die Integration der „Ostmark“ ins politische, wirtschaftliche und kulturelle Leben des Reiches innerhalb eines Jahres. Nach seiner zufriedenstellenden Performance in einer ähnlich gelagerten Position im Saarland (ab Jänner 1935), vertraute man diese Position dem Gauleiter Josef Bürckel an. Sein Amt dauerte zwischen 23.04.1938 und 31.03.1940, Hauptaugenmerke seiner Betätigung waren Verdrängung und Vertreibung der Jüdinnen und Juden aus Österreich und „Arisierung“ der „Ostmark“.

 


V top

Vermögensverkehrsstelle (VVSt)
- die in Österreich von den Nationalsozialisten eingerichtete Behörde für die Durchführung der “Arisierung”, bzw. Zwangsenteignung des Privat- und Wirtschaftsbesitzes von Jüdinnen und Juden
Neben der Hauptstelle in Wien gab es mehrere regionale Unterstellen. Ab November 1939 wurde die VVSt in „Abwicklungsstelle“ umbenannt. Unter ihrem späterem Namen „Referat III Entjudung“ besteht sie als Teil der Reichsstatthalterei Wien bis zum Kriegsende. Die VVSt diente aber auch als nachträgliche Legitimierungsinstanz für „Wilde Arisierungen“, welche es zu beim und direkt nach dem „Anschluss“ Österreichs in großer Anzahl gegeben hatte. Vorsitzender der VVSt war DI Walter Rafelsberger, der ehemalige NSDAP-Kreisleiter von Judenburg und späterer Gauleiter in der Steiermark.



W top

"Wilde Arisierung"
- parallel zur offiziellen Enteignung jeglichen Besitzes von  Jüdinnen und Juden lief eine illegale, bzw. nicht offiziell abgesegnete „wilde Arisierung"
Dieses Phänomen beinhaltete eigenmächtige Enteignung von Vermögenswerten, den effektiven Raub von Wohnungen, Möbeln, Kunstwerken, Ersparnissen, Firmenbesitz, Fuhrpark und ähnlichem. Im Gegensatz zu den offiziell gesteuerten Ausbrüchen des „Volkszorns“, bei welchen Jüdinnen und Juden, ihre Organisationen oder Manifestationen jeglicher Natur mit jüdischer Beteiligung gezielt angegriffen wurden, war die „wilde Arisierung“ ein spontanes Phänomen, begünstigt durch die allgemeine Propagandaarbeit der NS-Institutionen. In Österreich ist die „wilde Arisierung“ besonders ausgeprägt gewesen; ihre Auswirkung z.B. auf den Raub der jüdischen Wohnungen in Wien ist relativ gut dokumentiert. Vom heutigen Standpunkt der Wissenschaft würde man die „wilden Arisierungen“ in den Bereich des nicht-organisierten massiven Raubs an einem Teil der Bevölkerung werten. Mit der Einsetzung der Vermögensverkehrsstelle in Wien wurde den „wilden Arisierungen“ ein Riegel vorgeschoben, um den Nutzen dieser Vorgänge für den Staat, bzw. für die NS-Hierarchie zu sichern. Gleichzeitig wurden von der VVSt aber auch die Ergebnisse der bis dahin stattgefundenen „wilden Arisierungen“ im Nachhinein legitimiert.

 

 
© 2011 whf.co.at ▪ Impressum